29. Oktober 2001
Ausgabe Nr. 41 / 2001

Literatur Empfehlung:
 

Jack Welch:
Was zählt

"Der Name Jack Welch steht für eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte. Mit der konsequenten Neuausrichtung von General Electric zu einem zukunftsorientierten, globalen und hoch profitablen Technologiekonzern hat er sich als eine der herausragenden Unternehmerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts bewiesen"
Dr. Ron Sommer, Vorstandsvorsitzender, Deutsche Telekom AG.

ISBN: 3430195683



Zusammenarbeit zwischen den Management-Levels.
(Reflexionen über Jack Welch, Teil 5 von 5)

In der Reihe Reflexionen über Jack Welch sind bisher erschienen:

Wir setzen die Buchbesprechung von Jack Welch, die wir im NewsLetter 37/2001 begonnen haben, fort. Damit tragen wir dem Zeitpunkt seines Ausscheidens in den Ruhestand Rechnung und zugleich können Sie sich kritisch mit seinen Arbeitsmethoden auseinandersetzen. Unsere eigenen Anmerkungen sollten Sie bei dieser Auseinandersetzung begleiten.

Erfolg durch den richtigen Umgang mit Führungskräften?

Ron Sommer schliesst sich dem Kreis derer an, die grosses Lob für Jack Welch übrig haben. Ein Blick auf die vergangenen 10 Jahre Unternehmensgeschichte General Electric, zeigt im Vergleich zum Dow Jones Index eine gute Performance. Immer wieder taucht die Diskussion auf, Jack Welch - der Neutronen Jack - habe seine Mitarbeiter schlecht behandelt und shareholder value über alles gestellt. Wer sich näher mit ihm beschäftigt, der kann diese These nicht aufrecht erhalten. Es ist wohl eher so, dass hohes Interesse an Mitarbeitern einen Führungs- und Selektionsprozess hervorgerufen hat, der als Folge Unternehmensprosperität und damit auch sherholder value generierte.

Jack Welch hatte die persönliche Karriere von Mitarbeitern sehr wohl im Auge. Als er 1977 in die Konzernzentrale nach Fairfield, CT wechselte, beschrieb er die Veränderung im Arbeitsleben und seine Beobachtungen zur Karriere:

"Mein Leben änderte sich grundlegend. Ich konnte nun nicht mehr in Jeans und Sweatshirt ins Büro gehen, um dort mit fünf engen Freunden zusammenzuarbeiten. Indem ich meine Mitarbeiter zu Freunden gemacht und Beziehungen zu ihren Familien geknüpft hatte, hatte ich wahrscheinlich eine der grundlegenden Verhaltensregeln des Konzerns gebrochen." ... " Es gibt wahrscheinlich nichts Schlimmeres für einen Manager, als für einen Vorgesetzten arbeiten zu müssen, der nicht an seinem Aufstieg interessiert ist. Ein solcher Fall kann auf jeder Ebene eintreten und kommt wahrscheinlich häufiger vor, als wir glauben."

Es ist wichtig zu erkennen, dass Jacks Philosophie immer darauf beruhte, Führungskräfte wollen Karriere machen. Jede andere mentale Haltung schien ihm undenkbar und so führte er seine Mitarbeiter an dieser Leitlinie entlang. Wer Karriere wollte, der musste mehr beherrschen als andere, sein Geschäft besser kennen als andere und seine eigenen Gedanken durch Worte an die nächste Ebene vermitteln können.

Wer seine Sache verstanden hat, der kann sie auch formulieren ...

Kaum eine andere Führungskraft hat so viel Wert auf die kommunikativen Befähigungen seiner Mitarbeiter gelegt, wie Jack Welch. Er lebte mit seinen Führungskräften in der Diskussion über das Geschäft. Ein Beispiel aus dem Unternehmensteil CE Credit zeigt dies deutlich:

"In den ersten Sitzungen mit der Leitung dieses Unternehmensbereichs im Frühjahr 1978 war ich von den Leuten enttäuscht. Ich versammelte sie in einem Raum - es waren mehrere Managementebenen vertreten - und ich fragte sie über ihre Tätigkeit aus. Erklären Sie mir Ihre Grundlagen, sagte ich. Ich stellte einem Manager der Versicherungsabteilung eine sehr einfache Frage. Im Verlauf seiner Erläuterungen verwendete er einige Begriffe, die mir fremd waren. Also unterbrach ich ihn mit der Frage: 'Was ist der Unterschied zwischen einer Fakultativ- und einer Vertragsversicherung?'. Nachdem er sich mehrere Minuten mit einer langwierigen Antwort gequält hatte, die ich nicht verstand, stiess er schliesslich verzweifelt hervor: 'Wie soll Ihnen in fünf Minuten beibringen, was ich in 25 Jahren gelernt habe!' Ich muss nicht extra darauf hinweisen, dass er nicht mehr lange bei uns war."

Sitzungen dieser Art sind bei Mitarbeitern nicht beliebt. Präziser muss man wohl sagen, bei den Mitarbeitern nicht beliebt, die es unangenehm finden über ihr Geschäft in bestimmter Weise nachzudenken. Die Weise des Nachdenkens wird durch den Frager bestimmt. Wie schon in einem der früheren Teile der Reflexionen über Jack Welch dargestellt, entkommt man der Führung durch den Frager, in dem man nicht nur Antworten, sondern weiterführende Antworten gibt. Dieses intellektuelle Spiel zwischen Führungskräften ist einerseits sehr beliebt (hat auch etwas mit Kampf um Ränge zu tun) und ist anderseits förderlich für die Zielorientierung und die Identifizierung der "high potentials".

Zu bohrend gefragt?...

Der Fokussierungseffekt ist stark und darf bezüglich des Unternehmenserfolges nicht unterschätzt werden - zugleich muss aber auch bedacht werden, dass soziale Spannungen auftreten können, wenn man diese Methode bei Mitarbeitern einsetzt, die das sportliche-am-Ball-bleiben für inhuman und ausbeuterisch halten. Mir ist keine Führungskraft bekannt, die beim Einsatz dieser Methode Ausbeutung und Verdrängung des Humanum im Schilde führt, meist ist es der starke Wunsch nach Synchronisierung der Ressourcen und damit auch die Eröffnung einer individuellen Chance für betroffene Mitarbeiter. Auch bei General Electric gab es solche Vorwürfe. In dem Vorauswahlverfahren zum CEO Nachfolger war Jack Welch am Anfang garnicht aufgenommen, da eine offizielle Personalbeurteilung im Wege stand. Hier der Originaltext:

"Trotz vergangener Erfolge in der Betriebsführung nicht auf der Liste der besten Kandidaten. Übermässige Konzentration auf Ergebnisse. Neigt zur Einschüchterung von Untergebenen. Erste Zweifel bezüglich der Fähigkeit zur Führung des Unternehmens. Gegenwärtige Abneigung der Unternehmensbereiche wird sich als harter Test erweisen. Genau zu beobachten."

Flugzeuginterviews.

CEO Reg Jones hatte sich bei GE eine Gesprächsmethode ausgedacht, die unter dem Begriff "Flugzeuginterview" bekannt war. Bereits der Vorgänger Fred Borch hatte diese Methode eingesetzt, nun also war Jack ebenfalls an der Reihe:

"Jack, nehmen wir an, Sie und ich sitzen in einem der Firmenjets, und die Maschine stürzt ab. Wer soll der nächste Chairman von General Electric werden?" ... "Ich suchte angestrengt nach einer Antwort. Ich sagte ihm, dass ich derart davon überzeugt bin, der beste Kandidat zu sein, dass es mir schwer falle, ihm jemand anderen zu nennen. 'In Ordnung', sagte Reg, 'aber Sie leben nicht mehr. Wer soll den Job bekommen?' Reg wollte so meine Einschätzung von jedem Kandidaten wissen und wie ich sie auf folgende Faktoren einstufte: Intelligenz, Führungsfähigkeiten, Integrität und öffentliches Image. Er versuchte herauszufinden, wer mit wem zusammenarbeiten konnte.

Der Zweck, weshalb man beim Arbeiten zusammen kommt.

Immer wieder ist zu beobachten, dass das Leben am Arbeitsplatz in ungeeigneter Weise definiert wird. Jede Lebenssituation verlangt nach einer Gesamtübersicht aus der man erkennen kann welche Rolle man gerade zu spielen hat, obwohl man als der Spieler der Rolle natürlich immer der Selbe bleibt. Wer gerade segelt, hat mit der Rolle des Klavierspielers wenig Erfolg und wer gerade eine Prüfung absolviert, ist in der Rolle des Clowns nicht gut beraten. Am Arbeitsplatz gelten andere Rollenverständnisse als innerhalb unserer Familien. Wer hier beliebige Vermischungen zulässt, der hat Zuordnungsprobleme oder will manche Rollen - und damit auch die Umgebung, die zu dieser Rolle passt - nicht akzeptieren.

Wirtschaftsunternehmen definieren sich aus ihrem Auftrag, Produkte und Leistungen an Kunden zu liefern, und tun dies im Umfeld des gewollten Wettbewerbs. An diesem Auftrag will man teilnehmen, wenn man in die Rolle des Mitarbeiters oder einer Führungskraft eines Wirtschaftsunternehmens schlüpft. Jedes andere Rollenverständnis verändert zugleich die Definition eines Wirtschaftsunternehmens. Jack Welch ist sicherlich einer der Persönlichkeiten, die auf die Einhaltung dieser Definition und der damit verbundenen Rollenverständnisse streng achten. Er selbst fasste seine Vorstellung von guter Führung so zusammen:

"Die Menschen, die mit mir zusammenarbeiten, arbeiten härter, geniessen ihre Tätigkeit mehr (wenn auch nicht immer von Anfang an) und entwickeln grösseren Respekt für sich selbst sowie grösseres Selbstvertrauen, indem sie Aufgaben bewältigen, denen sie sich ursprünglich nicht gewachsen fühlten."

Für die Unternehmen, die an solche Führungserfolge nicht nur intuitiv, wie ein Jack Welch, sondern geplant herangehen wollen, haben wir bei Euratio Management Prozesse entwickelt, die detailgetreu übernommen werden können. In drei-tägigen Process Programs können Sie sich oder Ihre Mitarbeiter in diese Prozesse einweisen lassen. Bei der Implementierung in Ihrem Unternehmen sind wir selbstverständlich behilflich. Und es gilt auch hier - wie bei allen Prozessen - je präziser man sie einhält, desto mehr stellt sich der gewünschte Erfolg ein. Management versteht sich nicht als ein Zufallsereignis und hohe Profitlagen sind ein Ergebnis von detailgetreuer Präzision und Disziplin. Die Aktionen dazu sind nicht immer einfach, manchmal extrem hart, aber der Erfolg bringt auch hohe persönliche Belohnung.

by
Gerhard Zapke-Schauer


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